Ratgeber

Das Leitner-System: Wie fünf Fächer beim Merken helfen

Das Leitner-System ist eine Lernkartei-Methode, die Karten danach sortiert, wie gut du sie kannst. Dieser Ratgeber erklärt die fünf Fächer, die Wiederholungsabstände von 1, 3, 7, 14 und 30 Tagen, was passiert, wenn du eine Karte vergisst, und wie du heute startest.

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Fünf Leitner-Boxen als Treppe, Karteikarten steigen von Box 1 bis Box 5 auf

Was ist das Leitner-System?

Das Leitner-System ist eine Methode, Karteikarten mit verteilter Wiederholung zu lernen: Karten, die du kannst, kommen immer seltener, Karten, die du vergisst, kommen bald wieder. Neue Karten starten in Fach 1. Eine richtig beantwortete Karte rückt ein Fach auf und wartet länger bis zur nächsten Wiederholung; eine falsch beantwortete Karte geht zurück in Fach 1. In der Karteikarten-App heißen die Fächer Boxen und werden nach 1, 3, 7, 14 und 30 Tagen wiederholt.

Das Ergebnis: Du verbringst deine Zeit mit den Karten, die du gleich vergessen würdest, nicht mit denen, die du längst kannst.

Woher das Leitner-System kommt

Die Methode ist nach dem deutschen Wissenschaftsjournalisten Sebastian Leitner benannt, der sie 1972 in seinem Buch So lernt man lernen beschrieb. Seine Version nutzte einen Karteikasten aus Papier mit unterschiedlich großen Fächern. Eine Karte rückte jedes Mal ein Fach weiter, wenn du sie wusstest, und ging zurück ins erste Fach, wenn nicht. Ein Fach wurde wiederholt, sobald es voll war, sodass gut gekonnte Karten immer seltener drankamen.

Apps behalten die Idee bei, ersetzen „wenn das Fach voll ist“ aber durch einen festen Wiederholungstermin für jede Box.

So funktionieren die fünf Boxen

Jede Box hat einen festen Wiederholungsabstand. Bewertest du eine Karte mit Gewusst, rückt sie eine Box auf; die neue Box bestimmt den nächsten Termin. Karten in Box 5 bleiben dort und kommen alle 30 Tage wieder.

Die fünf Leitner-Boxen und ihre Wiederholungsabstände in der Karteikarten-App
BoxWiederholung nachBedeutung
Box 1 1 Tag Neue Karten und gerade vergessene Karten
Box 2 3 Tagen Einmal gewusst
Box 3 7 Tagen Es fängt an zu sitzen
Box 4 14 Tagen Seit Wochen gewusst
Box 5 30 Tagen Langzeitgedächtnis; ein Check im Monat reicht

Pro Lernrunde steigt eine Karte höchstens eine Box auf, ein Glückstreffer am Abend überspringt also keinen Abstand. Ab Box 1 erreicht eine Karte, die du immer weißt, nach vier Wiederholungen an Tag 0, 3, 10 und 24 die Box 5.

Was passiert, wenn du eine Karte vergisst?

Bewertest du eine Karte mit Nochmal, geht sie zurück in Box 1, egal in welcher Box sie war. In Flashcards kommt sie außerdem am Ende derselben Runde noch einmal, damit du die Antwort frisch wiederholst, und ist morgen wieder fällig. Selbst wenn du diese Wiederholung richtig hast, bleibt die Karte für diesen Tag in Box 1: Ein Fehler in einer Runde reicht, um den Aufstieg neu zu beginnen.

Für Karten, die nicht falsch, aber wackelig sind, gibt es eine dritte Möglichkeit: Markiere die Karte als schwer. Schwere Karten sind jeden Tag fällig und kommen in jeder Runde zweimal, so übst du sie öfter, ohne ihre Box zu verlieren.

Warum Abstände und aktives Erinnern wirken

Zwei gut erforschte Effekte erklären, warum die Boxen funktionieren. Der Spacing-Effekt: Wiederholungen, die über Tage und Wochen verteilt sind, führen zu besserem Langzeitgedächtnis als dieselbe Zahl an Wiederholungen am Stück. Eine Metaanalyse von Cepeda und Kollegen (2006) fasste 317 Experimente zusammen und fand diesen Vorteil durchgängig. Der Testing-Effekt, auch Abrufübung genannt: Eine Antwort aktiv abzurufen festigt sie stärker als erneutes Lesen. In einer Studie von Karpicke und Roediger (2008) erinnerten sich Studierende, die sich weiter zu Wortpaaren abfragten, eine Woche später an etwa 80 %; wer ein Paar nach dem ersten richtigen Abruf nicht mehr abfragte, nur an etwa ein Drittel.

Beide Ideen gehen auf Hermann Ebbinghaus zurück, der 1885 maß, wie schnell er Silbenlisten vergaß. Seine Vergessenskurve fällt in den ersten Tagen steil ab und flacht dann ab, und jede Wiederholung bremst das Vergessen weiter. Deshalb wachsen die Abstände zwischen den Leitner-Boxen von 1 auf 30 Tage, und deshalb kennen viele Lernende in Japan und China dieselbe Idee schlicht als Wiederholen entlang der Ebbinghaus-Kurve.

Quellen

  1. Cepeda, N. J., Pashler, H., Vul, E., Wixted, J. T., & Rohrer, D. (2006). Distributed practice in verbal recall tasks: A review and quantitative synthesis. Psychological Bulletin, 132(3), 354–380. doi:10.1037/0033-2909.132.3.354
  2. Karpicke, J. D., & Roediger, H. L. (2008). The critical importance of retrieval for learning. Science, 319(5865), 966–968. doi:10.1126/science.1152408
  3. Ebbinghaus, H. (1885). Über das Gedächtnis. Englische Übersetzung: Memory: A Contribution to Experimental Psychology
  4. Leitner, S. (1972). So lernt man lernen. Freiburg: Herder.

Leitner-Boxen vs. Algorithmen wie SM-2 und FSRS

Apps wie Anki berechnen für jede Karte einen eigenen Abstand. SM-2, der SuperMemo-Algorithmus von 1987, multipliziert den Abstand einer Karte mit einem „Ease“-Faktor, der sich mit jeder Antwort ändert. FSRS, ein quelloffener Planer, der in Anki verfügbar ist, schätzt, wie wahrscheinlich du eine Karte noch weißt, und plant die Wiederholung kurz bevor diese Wahrscheinlichkeit unter dein Ziel fällt.

Solche Algorithmen sparen manchmal Wiederholungen, aber der Plan ist schwer nachzuvollziehen und hängt von Einstellungen ab. Das Leitner-System tauscht diese Feinsteuerung gegen Vorhersehbarkeit: fünf Boxen, feste Abstände, und du weißt immer, wo eine Karte steht und wann sie wiederkommt. Wenn du beide Ansätze abwägst, lies unseren ehrlichen Vergleich mit Anki und mit Quizlet.

Karteikasten aus Papier oder App?

Ein Karteikasten aus Papier funktioniert und kostet nichts: Du brauchst einen Kasten mit fünf Fächern, Karten und die Disziplin, jedes Fach pünktlich zu prüfen. Eine App übernimmt die Buchführung. Sie speichert für jede Karte einen Termin, zeigt nur, was heute fällig ist, erinnert dich und verliert keine Karte. Außerdem kannst du Fotos hinzufügen und im Bus lernen. Die Karteikarten-App folgt genau den hier beschriebenen Regeln mit fünf Boxen, du kannst also zwischen Papier und App wechseln, ohne umzulernen. Besonders praktisch ist das zum Vokabeln lernen und für die Prüfungsvorbereitung.

In fünf Minuten starten

Du brauchst nur ein Thema und ein paar Karten. Diese fünf Schritte funktionieren auf Papier und in der App.

  1. Ein Thema wählen

    Nimm etwas, das du behalten willst, etwa 20 Wörter für eine Reise oder die Begriffe für die Prüfung im nächsten Monat.

  2. 10 bis 20 Karten schreiben

    Eine Frage pro Karte, kurze Antworten. Füge ein Bild hinzu, wo es hilft.

  3. Alle in Box 1 legen

    Neue Karten starten in Box 1 und sind heute fällig. In der Karteikarten-App passiert das automatisch.

  4. Fälliges lernen

    Bewerte jede Karte mit „Gewusst“ oder „Nochmal“. Gewusste Karten rücken auf, vergessene gehen zurück in Box 1.

  5. Morgen wiederkommen

    Ein paar Minuten am Tag reichen. Füge neue Karten hinzu, wenn sich die tägliche Runde leicht anfühlt.

Probier es selbst aus

Dreh die fünf Karten um und bewerte sie. Sieh zu, wie jede Karte in ihre Box wandert und wann sie wiederkäme.

Karte 1 von 5Demo-Runde

Runde geschafft!

  1. Box 101 T.
  2. Box 203 T.
  3. Box 307 T.
  4. Box 4014 T.
  5. Box 5030 T.

Fragen zum Leitner-System

Wie viele Fächer hat das Leitner-System?

Die meisten Varianten, auch Sebastian Leitners Original und die Karteikarten-App, nutzen fünf Fächer. Manche Apps nutzen drei oder sieben. Mehr Fächer strecken die Abstände weiter; fünf reichen, um eine Karte von täglich bis einmal im Monat zu bringen.

Wie oft sollte ich jedes Fach wiederholen?

In Flashcards wird Box 1 nach 1 Tag wiederholt, Box 2 nach 3 Tagen, Box 3 nach 7 Tagen, Box 4 nach 14 Tagen und Box 5 nach 30 Tagen. Die App merkt sich den Termin jeder Karte, du lernst also nur, was fällig ist.

Was passiert, wenn ich eine Karte falsch beantworte?

Sie geht zurück in Box 1, egal in welcher Box sie war. Flashcards zeigt sie am Ende der Runde noch einmal und plant sie für morgen ein, so beginnst du den Aufstieg mit frischer Erinnerung an die Antwort.

Ist das Leitner-System verteilte Wiederholung?

Ja. Es ist eine der ältesten und einfachsten Formen der verteilten Wiederholung (Spaced Repetition): Der Abstand zwischen Wiederholungen wächst, solange du eine Karte weißt. Algorithmen wie SM-2 oder FSRS sind feinere Varianten derselben Idee.

Wie viele neue Karten sollte ich pro Tag hinzufügen?

Starte mit 10 bis 20 neuen Karten am Tag. Jede neue Karte kommt beim Aufsteigen nach 3, 7, 14 und 30 Tagen wieder, deine täglichen Wiederholungen wachsen also mit jeder Runde. Dauert das Lernen länger als gewünscht, füge ein paar Tage lang weniger neue Karten hinzu.

Funktioniert es auch für andere Fächer als Sprachen?

Ja. Die Boxen funktionieren für alles, was auf eine Karte passt: Definitionen, Formeln, Jahreszahlen, Anatomie, Jura, Programmierkonzepte oder Prüfungsfragen. Für Diagramme und handschriftliche Notizen kannst du ein Foto auf die Karte legen.

Weitere Antworten in den häufigen Fragen zur Karteikarten-App.

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